

MS Lofoten
Unsere letzte große Reise liegt 10 Jahre zurück, als wir in der Karibik mit der ALCAZAR segelten. Es sollte unbedingt wieder Wasser sein, da mein Gatte für nichts anderes zu begeistern ist.
Also planten wir bei Hurtigruten eine Classik-Reise „NORA“ mit einem ehemaligen Postschiff „MS Lofoten“. Es sollte die schönste Schiffsreise auf der Welt werden. Aber, aber …
Bereits in Berlin-Tegel war unser gebuchter Flug ausgefallen. Erst nachmittags brachte uns eine Ersatzmaschine von Air Berlin nach Kopenhagen, dem Umsteigeflugplatz. Dort war der Weiterflug nach Bergen ebenfalls gestrichen. Bis zum Umfallen stand ich an der noch besetzten Rezeption wegen einer Flugumleitung, da unser Schiff um 20.00 Uhr in Bergen ablegte, leider ohne uns. Mit einer Kleinstmaschine von Winrose landeten wir gegen Mitternacht auf Sandefjord, einem kleinen Flughafen bei Oslo. Auf einem Notlager streckten wir für drei Stunden unsere müden Glieder aus und 6.30 Uhr ging es weiter mit zwei Umsteigern nach Aelesund. Wir mussten unbedingt die nächste Anlegestelle unseres Schiffs in Aelesund erreichen, sonst war unsere Reise tabu.
Aelesund ist für seine Jugenstil-Architektur international bekannt. Nach dem großen Brand 1904 wurde es im zeittypischen kontinentalen Baustil wiedererrichtet mit einer Vielzahl von nationalen Elementen gemischter Varianten von Türmen und detaillierten Ornamenten. Das bekamen wir nur im Hintergrund bei der Taxifahrt zum Routenanlegehafen mit. Habe noch nie soviel Geld für Taxifahrt in meinem Leben ausgegeben, 80,- Euro.

Geirangerfjord
Die MS Lofoten wollte gerade ablegen und zog die Gangway ein. In einem Abstand von einem Meter zwischen Schiff und Gangway verlangte ich Hilfestellung, um aufzuspringen. Keinesfalls sollte das Schiff ohne uns ablegen. Mir wurde keine Hand gereicht, sondern befohlen, runter zu gehen. Nur meine Hartnäckigkeit führte dazu, dass die Gangway wieder herangeführt wurde. Mit den Reiseunterlagen wiesen wir uns als die Verspäteten aus und bekamen Zutritt an Bord, jedoch fehlte uns jegliches Reisegepäck. Das lag irgendwo auf einem Flughafendepot und es war fraglich, ob wir es noch während unserer Reisezeit erhalten würden. Wir telefonierten wie die Weltmeister bis die Akkus leer waren, das Ladegerät auch im Reisegepäck lag. Unser Reisedienst, welcher sich sehr bemühte, gab Weisung, uns Notgarderobe zu kaufen. Das wollte ich nicht wahrhaben, alles hatten wir eingepackt. Ohnehin war das Konto abgeräumt, wozu diese unnötigen Ausgaben ?
Der von uns gebuchte Landausflug fiel wegen Steinschlag aus. Jedoch durchfuhren wir mit dem Schiff, der „MS Lofoten“ den Geirangerfjord, die Perle unter den Fjorden West-Norwegens. Er erstreckt sich über 100 km von Aelesund bis Geiranger. Das Ende des Fjordes kontrollieren die Berge und lassen nur wenig Atlantikwasser herein. Hier bestimmen sie das Dasein.

Am Polarkreis
Ob der vorangegangenen Kalamitäten und der Ungewissheit, ob wir unsere Sachen noch bekommen würden, ging das alles etwas an mir vorbei, auch fehlte mir die Lust zum Filmen.
Zum nächsten Anlaufpunkt, der Anlegestelle Trondheim, entscheiden wir uns, Notgarderobe zu beschaffen. Als erstes kaufe ich Slipeinlagen und Tagescrem. Eine Notpaket Zahnputz- und Rasierzeug hatten wir von der Fluggesellschaft bekommen. Im Einkaufscentrum verliere ich meinen Husband, während ich auf der Bank Geld tauschen wollte. Just in dem Moment, als ich zurückkam, war er wegen eines Telefonats ins Geschäft eingekehrt und ich fand ihn an der verabredeten Stelle nicht vor. Ich verfiel in Panik, weil ich glaubte, mich verirrt zu haben. Rannte fast zum Hafen zurück, wieder vor , vergeblich ! Ein junger Mann mit Handy opferte seine kostbare Zeit, um meinen Mann ausfindig zu machen. Die Verständigung über Straßennamen und Aufenthaltsort war äußerst schwierig. Letztlich vereinbarten wir den Treffpunkt bei der Bank, was dann klappte.
Wieder konnten wir den Charme der Großstadt Trondheims nicht genießen. Prächtige restaurierte Holzbauten, die königliche Residenz Stiftgarden, die Festung Kristiansten und die Kais Nildeven aus dem 18. Jahrhundert sind typisch für diese Stadt und blieben uns vorenthalten.
Wir nähern uns der Überquerung des Polarkreises, der die Trennlinie zwischen Polarzone und gemäßigter Zone markiert. Er verläuft auf der Position N 66.33.51und soll zwischen 7.00 und 8.00 Uhr überquert werden. Die Trennlinie kennzeichnet das Modell der Weltkugel auf einer Kleinschäre.

Gebirgsstock Torghatten
Beim Quizspiel war Helga nahe dran. Es sollte die genaueste Zeit der Linienüberquerung geschätzt werden. Helgas Schätzung war 7h 36. 22
Die tatsächliche Zeit war 7 h 36. 41
Andere waren noch besser.
Im Westen verläuft der Polarkreis durch die sagenumwobene Insel Hestmanny mit dem Berg Hestmannen, 568 mtr. hoch, auch der versteinerte Reiter oder Pferdemann genannt. Er markiert den Polarkreis bei allen Lichtverhältnissen.
Hestmannen, der Sohn des Vägakallen, war waghalsig und ungehorsam. Während sich die sieben Töchter des Sulitjelma durch Wildheit hervortaten, weshalb sie nach Landego geschickt wurden. Dort lebte die schöne Lekamoya, auf die Hestmannen ein Auge geworfen hatte. Eines Abends nahmen die sieben Schwestern und Lekomoya ein Bad, wobei sie von Hestmannen beobachtet wurden. Beim Anblick seiner hüllenlosen Angebeteten entflammte seine Begierde und hohen Rosses stürmte er um Mitternacht über den Vestfjord nach Süden, um Lekamoya zu rauben.
Während die flüchtenden sieben Schwestern sich bei der Insel Alsten erschöpft niederwarfen, flüchtete Lekamoya ins Machtbereich des Königs Somna, der mit ansehen musste, wie der verschmähte Hestmannen, seine Geliebte mit Pfeil und Bogen niederzustrecken drohte. Er warf seinen Hut dazwischen, der vom Pfeil durchbohrt wurde. Dies geschah in dem Moment des Sonnenaufgangs, die alles zu Stein erstarren ließ. Seit dieser Zeit ragt der Hut des Torghatten aus dem Meer, Lekamoya wurde zur Insel Leka und der Hestmannen zur Insel Hestmannoy. Die sieben Schwestern bilden einen siebenköpfigen Gebirgsstock.
Torghatten, ein Naturphänomen des Landes.

Nordkap Skulptur
Wir erreichen Bodö, wo uns nachmittags das Reisegepäck an Bord gebracht wird. Jetzt sammle ich mich für die restlichen Urlaubstage. Nach kurzem Aufenthalt in Bodö lichtet das Schiff die Anker. Im Westen zeigt sich die sagenumwobene Lofotenwand in all ihrer bizarren Schönheit. Mit scharfkantigen Bergzacken und schneebedeckten Gipfeln erstreckt sie sich 100 Kilometer und trotz dem offenen Meer.
Wir befahren den Mageröysund, vorbei an der Mageröya, der Magerinsel. Es ist die schönste nördlichst gelegene Insel nach Havöysund. Hier werden die Rentiere zu ihren Sommerweiden gebracht. Im Herbst schwimmen sie selbst 1800 Meter zurück. Cirka 18 Tausend Rentiere durch einen Tunnel zu treiben verwirft man, da die anschließende Reinigung der Tunnel von der Losung die Kosten sprengen würde.
Nordkap-Exkursion. Der Bus bringt uns zum Nordkap, dem nördlichsten Punkt Europas. Das Nordkap ragt 307 meter steil aus dem eiskalten Wasser. Jetzt stehen wir auf Position 71.10.21 nördlich des Äquators, 2080 km vom Nordpol entfernt. Schon seit Jahrhunderten ist die Kordkap-Skulptur ein Anziehungspunkt für Reisende.

Lofoten Fischerdorf
Kirkenes, der Wendepunkt unserer Reise befindet sich genau zwischen zwei Zeitzonen- Helsinki und Moskau- mitten im Herzen der Region (Grenseland), hat eine äußerst üppige Vegetation. Der Hafen liegt weit im Inneren des Fjordes und wird somit nicht vom Golfstrom erreicht, friert deshalb oftmals zu. Wir sichten Eisschollen und es schneit in Kirkenes.
Nach dem Ablegen zur südgehenden Route geht es nach einem zweistündigen Aufenthalt in Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt, weiter nach Tromsö.
Tromsö erreichen wir um Mitternacht. Es liegt reizvoll auf einer Insel zwischen Meer und hohen Bergen. Schon früh war sie Ausgangspunkt für Polarexpeditionen. Die Polarstadt Tromsö- auch Paris des Nordens genannt-, liegt am Fuße steil aufsteigender Berge am mächtigsten Eismeer. Eine berühmte Sehenswürdigkeit in Tromsö ist die Eismeerkathedrale. Mit dem Bus fahren wir über die Tromsöbrücke zur Tromsdalen-Kirche, der Eismeerkathedrale zum Nachtkonzert. Diesen weißgetünchten Kirchenbau mit imposanten Glasmosaik zu erleben zum Mitternachtskonzert während die Kerzen brennen, es gibt keine schönere Art als perfekten Tagesabschluß.
Mit dem Schiff fahren wir in den 2 km langen und 100 Meter breiten Trollfjord hinein, umringt von hohen Bergen bis 1080 Meter , eine Landschaft , die die Phantasie anregt. Beim Wendekreis fehlt nur noch ein halber Meter vom Bug der Lofoten bis zur Felswand. Von den vielen Fjorden gefällt den Hurtigreisenden der Trollfjord offenbar am besten.
Es geht weiter auf dem Wasser entlang des Lofotengebirges, ein einziges Naturerlebnis. Die Inselgruppe auf dem 67. und 68. Breitengrad ist bekannt für ihre bizarren Gipfel und malerischen Fischerdörfern.

Stadt Bergen
Wir verlassen das Land der Mitternachtssonne. Die polare Zone bleibt zurück. Entlang der Nordlandküste fahren wir an unzähligen Inseln und Felsgestalten vorbei, entlang der bezaubernden Hegelandküste. Im Westen begrüßen wir nochmals unseren alten Freund Hestmannen. „ Die sieben Schwestern“ , der siebengipflige Gebirgsstock hüllt sich in Nebel. Das Naturphänomen des Landes, der Torghatten, der Berg mit dem Loch ist als schönes Foto – und Postkartenmotiv beliebt. Das Loch im Berg ist 160 mtr. lang, 25- 30 mtr. hoch und 12-15 mtr. breit. Es ist Platz genug für ein Wikingerschiff mit vollen Segeln.
Wachen in Trondheim auf. Fahren 170 km über den majestätischen Trondheimfjord. An der tiefsten Stelle misst er 577 Meter. Bisher haben wir von Bergen nach Kirkenes und zurück bis Trondheim 4120 km zurückgelegt.
Von Trondheim geht es nach Kristiansund, in die Stadt, die auf drei Inseln liegt und stets dem Meer zugewandt ist. Die umliegenden Felsen sind ideal zum Trocknen von Klippfisch, deshalb auch „Klippfischstadt“ genannt.
Die Schiffroute nach Molde, der Stadt der Rosen, führt an der Atlantikstraße vorbei und erstreckt sich zu Füßen des 407 Meter hohen Varden. Sie führt über Brücken und Dämme sowie mehrere kleine Inseln. Beide Wege, der Wasserweg und die Atlantikstraße haben ihren Reiz und auch ihre Tücken. Wer bei stürmischer Wetterlage unterwegs ist, kann erleben, dass die Atlantikstraße unter der ungebrochenen Macht der heran donnernden Wellen verschwindet. Die klimatische Gunst brachte der Stadt den Namen, Stadt der Rosen, ein.
Unsere Seereise nähert sich dem Ende. Am letzten Tag an Bord der MS Lofoten geht es durch den äußeren Nordfjord. Dann legt das Schiff in Bergen, der „Stadt zwischen den sieben Bergen“, an.
Es war die schönste Seereise der Welt!
Geschrieben von Helga Halm, Januar 2008