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Katastrophenurlaub Rönne

Schlechtwetter-Ostsee-Törn der Familie Halm

Hafen Karnin

Hafen Karnin

Wie alljährlich ziehen wir an den ersten Tagen täglich zehn bis zwölf Stunden durch. Die See ruft. In unserer Begleitung befand sich Sportfreund Günter mit seiner Penelope. Er bleibt in Liebenwalde zurück, er mag sich diesem Streß nicht weiter aussetzen. Ist leider als Alleinsegler unterwegs.
Uns zieht es an alte Stätten. Verweilen einen Nachmittag im kleinen Hafen Karnin, wo wir die Legende „Pappa Genz“ mit drei Herzschrittmachern aller sieben Jahre wohlauf finden. Weilten 1989 mit Iron und 2002 mit Fuchs II bereits hier. Es ist leer im Hafen. Die Zufahrt wird nicht mehr ausgebaggert und birgt die Gefahr der Grundberührung beim Einlaufen.

 

Insel Christansö

Insel Christansö

Am nächsten Tag schaffen wir den Sprung nach Kröslin, wo wir infolge Weltuntergangswetter einige Tage festliegen. Ein Fenster nutzen wir, um den Hafen Lohme zu erreichen. Leider nur mit Motorkraft, da Segelversuche zwischendurch scheitern. Mit taufrischen Fisch wird es dieses Jahr nichts. Unser befreundete Hafenmeister Heiko ist erkrankt.
Den ersten schönen Tag auf See erleben wir bei der Überfahrt zur Insel Bornholm. Dann warten wir den angekündigten Sturm des schwedischen Wetterberichts ab. Das Wetter ist scheußlich. Die Hafentage in Rönne häufen sich.
Es sind bereits 14 Tage unseres Urlaubs vergangen. Wir sind kaum gesegelt. Über Funk hören wir Seenotrufe. Ein Segelboot mit Wassereinbruch setzte Notruf ab. Ein anderer Käpten hat leicht die Orientierung verloren. Irrtümlich steuert er einem Boot hinterher, welches sich auf Gegenkurs nach Saßnitz befindet. Da aufkommendes Unwetter naht, gibt man ihm den richtigen Kurs 58 Grad vor. Ob er wohl angekommen ist und wo ?
Immer noch Wind- und Sturmwarnungen. Bei drei Meter hoher Dünung kehren wir zurück. Wir hatten keine Chance, vorwärts zu kommen. Beim zweiten Versuch am nächsten Tag laufen wir zehn Seemeilen mit Motor. Bei umspringenden Wind auf SW legen wir nach 20 Segelmeilen im Listedhafen an und begrüßen unseren Freund Hafenmeister Ib. Segeln war schön.

Benutzen die Fähre, die uns in einer Stunde zu den Inseln Christansö und Frederiksö bringt. Dort haben wir drei Stunden Aufenthalt. Durchforschen die beiden Inseln, die durch eine Drehbrücke aus Stahl verbunden sind.

 

Ruine Hammerhus

Ruine Hammerhus

Auf der Insel leben noch 100 Menschen das ganze Jahr über. Die Ertholmene (Erbseninseln) liegen wir Perlen im gewaltigen Meer nach allen Himmelsrichtungen frei. An sonnigen Junitagen ist ein Spaziergang auf Christiansö wie ein Gang durch einen paradisischen Garten, solch einzigartige Natur hat sie vorzuweisen. Am Spätnachmittag sind wir mit hungrigem Magen wieder an Bord des Fuchses. Der Himmel zieht sich leicht zu und während wir das Essen einnehmen, erfrischt ein Regen die Luft und das satte Grün leuchtet. Ein schöner Urlaubstag !

Seit Jahren mache ich in Deutschland Reklame für die Hummerhütten in Listed, die Herr Frost aus Deutschland eröffnet hat. Möchte heute auf ein Menü gehen. Stelle dabei fest, dass ich mir eine Hummermahlzeit ab 190,- DK aufwärts nicht leisten werde.

Herr Frost meint, in Dänemark sei alles teurer, 25 % Mehrwertsteuer und wer hier Urlaub macht, muß das einkalkulieren. Er hat gut reden.

Traue mich am nächsten Tag, einen vom Fischfang kommenden Herrn anzusprechen. Der nette Mann, italienischen Einschlags macht mir mit einem Stück filettierten Dorsch, „ ein persönliches Geschenk für Sie“ seine Worte. Eine Delikatesse!

 

Segelboot KID 2

Segelboot KID 2

Unternehmen eine Fahrt nach Hammerhus zur imposanten Ruine, die über Bornholms Nordspitze thront. Hammerhus ist Nordeuropas größte Burgruine. Während Jörg ob seiner Unpässlichkeit jede Bank ausprobiert, begehe ich das Burgareal. Die Sicht ist klar und man kann bis Schweden sehen, was schon im 13. Jahrhundert so möglich war. Deshalb als Verteidigungsanlage erbaut, denn für die Seefahrt eine strategisch gute Lage in der Ostsee. Das steil abfallende Gelände ins Meer war schwer einzunehmen. Nach gut drei Stunden treten wir die Heimreise mit Bus an. Bin richtig groggy, musste ja unbedingt die Burg ersteigen.
Abends erleben wir den ersten schönen Sonnenuntergang im diesjährigen Urlaub auf Bornholm. Ein Dorsch ging mir wieder ins Netz. Erbettelt.

Nach unserem Wissen müssten sich unsere Sportfreunde Klaus & Klaus aus dem Club in der Umgebung aufhalten. Per Handy können wir sie nicht erreichen, auch im Hafen Nexö finden wir sie nicht. Als wir endlich nach Tagen mit ihnen kontaktieren, liegen sie nur fünf Seemeilen entfernt im Hafen Guthjem und sind am nächsten Tag ran. Wir verbringen zusammen einen schönen Tag mit einem süffigen Klönabend. Bei uns ist Halbzeit.

 

Wind Wellen

Wind Wellen

Auch die zweite Halbzeit lässt keine Wetterbesserung erwarten. Haben es gerade bis Rönne geschafft und liegen schon wieder fest. Starkwind- und Sturmwarnungen für Ostsee bis Boddengewässer. Nenne es schon den Katastrophenurlaub Rönne. Nicht genug der ungewollten Hafentage, ist an Bord das Techniksterben angesagt. Barometer und Transverter defekt, Radio und Funke fällt aus, Freezer gibt den Geist auf. Käpten hat anhaltende Magenprobleme. Außerdem gibt es von zuhause nur schlechte Nachrichten. Möchte nur noch weiter bzw. nach Deutschland zurück.

Laufen aus. Mit Ost bis Südost segeln wir 12 Seemeilen bei hoher Welle. Wir haben noch 8-10 Stunden bis zum Zielhafen Lohme vor uns, als eine unvorhergesehene Galewarnung für unser Gebiet eingeht. Es brist schon bald gewaltig auf. Wir entscheiden uns für Umkehr, da die Insel im Rücken noch sichtbar. Bei nur 2,8 ktn. Speed nehmen wir über Bug und Bord viel Wasser. Die Wetterkluft ist durchnässt und die Rettungsweste bläht sich auf. Als wir den Hafen erreichen, reißt es auf und die Sonne scheint. Unerklärlich, aber es war die richtige Entscheidung, wie sich später herausstellt. Ein Tiefdruckgebiet zieht über uns. Tagelang hocken wir bei anhaltenden Regen unter Deck, im Rigg pfeift der Wind, am Kai quitschen die Fender. Die Chance, weiter zu kommen, ist gleich null. Es heißt Ausharren.

 

Wir faulenzen. Käpten studiert den Wetterbericht am Computer. Plötzlich bläst er zum Aufbruch, sonst laufen wir Gefahr, hier zu versauern. Fluchtartiges Ablegen und ab geht’s gegen Wind und Wellen. Nach Sonnenuntergang schippern wir durch eine pechschwarze Nacht. Romantisch finde ich das nicht, denn selbst der Mond schafft es nur für Augenblicke, sich durch die Wolkendecke zu schummeln. Auch Regenschauer fehlen heute nicht. Aber immerhin kommen wir gut vorwärts, was den Ausschlag gibt, dass Käpten gleich bis Kröslin durchzuziehen vorschlägt. Stehe dann geschlagene 17 Stunden durchnässt und frierend auf Wache, während Käpten über Computer navigiert. Es ist grässlich so in die Dunkelheit zu stieren. Der Horizont ist nicht auszumachen, es wirkt wie Felsenmauern. An Rügen ran ist bereits reger Fährbetrieb zu dieser Zeit. Gegen vier Uhr morgens begrüßt uns der neue Tag. Wir sind noch guter Dinge, was sich aber bald ändern sollte. Wollten wir der Natur ein Schnäppchen schlagen, schickte sie uns in die Hölle. Boddeneinfahrt plattert es ohne Vorwarnung los. Wir sind schon einmal total durchnässt, es wird kalt, auch Schlaf fehlt. Käpten geht Ruder. Den Fuchs hebt es am Bug aus und meterhoch donnert er aufs Wasser. Karvensmänner bis 2 mtr. rollen unterm Fuchs weg, er steckt es gut weg. Spitzengeschwindigkeiten bis 22 mtr/sec. Zeigt das Windmessgerät. Das stoppt unseren Fuchs gewaltig und wir nehmen viel Wasser über. Meine größte Angst ist, wir könnten zu wenig Diesel aufgetankt haben, was nicht bis zum Ziel reicht. Im Nachhinein gesteht Käpten, er habe zu Gott gebetet, es möge reichen. Eigentlich vermeiden wir Nachtfahrten nach Möglichkeit, müssen es nicht unbedingt haben. Aber es war schon eine Erfahrung wert und erlebnisreich zugleich. Wir erholen uns.

Nach einigen Liegetagen in Kröslin geht es mit Zwischenstop in Ückermünde, Ziegenort über den Dabie-See heimwärts. Letzteren besegelten wir vor Jahren mit unserer Iron von Hiddensee kommend. Es war heute einer der wenigen schönen Urlaubstage im diesem Jahr.

Bezeichne es als den Katastrophenurlaub. Europaweit anhaltende extreme Schlechtwetterperiode. Kein vernünftiges Segeln war drin. Starkwind- und Sturmwarnungen am laufenden Band. Entweder zuviel, zuwenig oder Wind aus der falschen Richtung. Fünf Wochen lang jeden Tag und jede Nacht Regenschauer und Regen. An Bord Techniksterben. Freezer fehlte sehr. Durch Käptens Magenprobleme war er teilweise nicht einsetzbar. Nur geringe landgängige Urlaubsfreuden. Harter 17 Stunden-Nachttörn, vorfristige Heimreise. Von 48 Urlaubstagen waren wir nur 17 Tage auf See. Eine schlechte Bilanz. Es ist auch nicht zu leugnen, dass wir ein paar Jährchen draufgelegt haben. Die Gelenkigkeit hat nachgelassen. Wir hatten eine gute Heimkehr.

Berlin, im Dezember 2007, Geschrieben von Helga Halm
Unterwegs waren wir mit einer Pegaz 737, Bootsnamen Fuchs II, 7,5 mtr. lang, 2,86 mtr. breit, Tiefgang 0,50/1,50 m, Segelfläche 32 qm. Als Crew stellen sich vor: Käpten Jörg 66 Jahre, Bootsfrau Helga 70 Jahre

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